Österreich und das Immaterielle Kulturerbe

Mit der Ratifizierung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes übernehmen die Mitgliedstaaten die Verpflichtung, relevante Richtlinien und/oder rechtliche und administrative Maßnahmen als Grundlage für Gestaltung, Entwicklung, Bereitstellung und Umsetzung wirksamer und nachhaltiger Programme und Aktivitäten zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes zu schaffen (vgl. Artikel 13a). Österreich konnte seit der Ratifizierung 2009 zahlreiche innovative und inspirierende Schritte zum besseren Verständnis der inhaltlichen Bandbreite des Immateriellen Kulturerbes setzen. Das mediale und öffentliche Interesse sowie eine Erweiterung des Kulturbegriffes vor allem in den kulturellen Verwaltungseinrichtungen zeigen positive Auswirkungen. Die Integration von Immateriellem Kulturerbe in eine umfassende, strategische Planung ist in Österreich allerdings nach wie vor ausständig. Der österreichische Staatenbericht zur Umsetzung des Übereinkommens aus dem Jahr 2021 hält fest, dass bisher weder auf Bundes- noch auf Länderebene entsprechende Richtlinien und/oder Maßnahmen umgesetzt wurden. Hier ist insbesondere der kulturpolitische Sektor gefragt (vgl. Operative Richtlinien 171(d)). 

Die Umsetzung des Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes war von Beginn an und ist noch immer durch Diskrepanzen zwischen Lebenswirklichkeiten und gesellschaftlichen Normen sowie den daraus resultierenden kontroversen Auffassungen geprägt. Fehlendes Wissen über historische Hintergründe mancher Bewerbungen zur Aufnahme in das Nationale Verzeichnis führte zu vorschnellen Urteilen und Missverständnissen. Gefragt sind daher vor allem Kulturverantwortliche wie der akademische Bereich, einen offenen und interdisziplinären Diskurs zu fördern. Zum einen, um den Prozess einer seriösen Beschreibung von regionaler Überlieferung inhaltlich zu begleiten. Zum anderen um die vielfältigen Motivationen zur Bewerbung wie die Auswirkungen der Listung von Traditionen zu dokumentieren: Welche Erwartungen bewogen zur Einreichung, was bewirkt die mediale Aufmerksamkeit, welche ökonomische Wertschöpfung wird dadurch in Gang gesetzt und inwiefern beeinflusst die Aufnahme in das Verzeichnis die Ausübung? Das Übereinkommen setzt für die Erhaltung von Traditionen deren fortwährende kreative Weiterentwicklung und Weitergabe als Voraussetzung fest. Was aber fördert die Lebensfähigkeit von Immateriellem Kulturerbe, wie beeinflusst der Grad an Inklusion bzw. Exklusion diesen Prozess, wie lassen sich diese Bemühungen um Traditionen mit der Auffassung von einer „posttraditionalen Gesellschaft“ vereinbaren (Drascek 2022:14)? Evaluierung und Monitoring der Aufnahmeverfahren und ihrer Folgewirkungen wären hier dringend geboten.

Abgesehen von all diesen offenen Fragen und der oft schwierigen Aufgabe, über transparente und partizipative Prozesse mit allen Beteiligten zwischen Bund und Ländern, Staat und Zivilgesellschaft sowie zwischen wissenschaftlichen, kulturpolitischen und individuellen emotionalen Ansichten zu vermitteln, eröffnet das Übereinkommen ungeahnte Möglichkeiten der interdisziplinären und intersektoriellen Zusammenarbeit sowie der Diskussion über gesellschaftliche Werte. Die Betonung des zivilgesellschaftlichen Beitrags jenseits von Fachexpertise, politischer oder administrativer Entscheidung macht die außerordentliche Popularität des Übereinkommens aus. Die Aktivierung und Ermächtigung der Zivilgesellschaft stärkt auch marginalisierte Gruppen (vgl. Artikel 15) und fördert ihre Mitwirkung an der Gestaltung des öffentlichen Lebens. Kulturelle Teilhabe ist ein Aspekt gesellschaftspolitischer Bemühungen um politische, wirtschaftliche oder soziale Partizipation, wie sie moderne Demokratien anstreben. So verstanden, bedeutet das Sichtbarmachen und Erhalten des Immateriellen Kulturerbes keine rückwärtsgewandte Verklärung der Vergangenheit. Vielmehr kann das UNESCO-Übereinkommen 2003 einen konstruktiven Beitrag zur demokratischen Weiterentwicklung unserer Gesellschaft leisten.

Verweise:
Drascek, D. (2022). Immaterielles Kulturerbe – Aushandlungsprozesse und Kontroversen. In Drascek, D., Groschwitz, H., Wolf, G. (Hrsg.), Kulturerbe als kulturelle Praxis – Kulturerbe in der Beratungspraxis, Bayrische Schriften zur Volkskunde 12. München: Bayrischen Akademie der Wissenschaften. 9-24.