Tut gut und liegt so nah - Apothekeneigene Hausspezialitäten

Die handwerkliche Herstellung von Arzneimitteln gehörte jahrhundertelang zu den selbstverständlichen Aufgaben der europäischen Apotheken. Doch der steigende bürokratische Aufwand und die damit verbundenen hohen Gebühren führen dazu, dass ein Arzneimittelschatz an unbedenklichen, rezeptfreien, kostengünstigen Arzneimittel für die Selbstmedikation langsam und großteils unbemerkt verloren geht.


Der Terminus „Apothekeneigene Hausspezialitäten“ erlangte in Österreich erstmals 2010 öffentliche Aufmerksamkeit, als dieser durch Mag. Heimo Hrovat sen. von der Kurapotheke Bad Ischl zur Aufnahme in das Nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich eingereicht wurde. Die Eintragung in das Verzeichnis war ein erster, wichtiger Schritt zur Anerkennung des Wertes und der Einmaligkeit der Apothekeneigenen Hausspezialitäten.

Apothekeneigene Hausspezialitäten umfassen neben der Rezeptur vor allem die Herstellungsart und damit das theoretische fachliche, wie auch das praktisch handwerkliche Know-How von Apotheker:innen. Die auf Erfahrung basierende Rezepturen werden von Generation zu Generation weitergegeben, adaptiert und - oft unter Verwendung von lokalen Ressourcen – im Haus produziert. Apothekeneigene Hausspezialitäten genießen in der Bevölkerung einen hohen Stellenwert und sind ein wichtiger Bestandteil bei der ergänzenden bzw. Erst–Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden. Die lokale Bevölkerung verwendet sie gerne und schwört darauf – nicht zuletzt deshalb, weil bereits ihre Großmütter, Großväter, Mütter und Väter diese Tees, Tinkturen, Extrakte, Salben und Elixiere als wirksam befunden hatten. In den letzten 20 Jahren wurde dieses wertvolle Angebot allerdings schleichend weniger, mittlerweile droht es tatsächlich gänzlich zu verschwinden. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch ein europäisches Registrierungsverfahren, bei dem die Anmeldung jeglicher Arzneien auf industrielles und damit kosten- und vor allem zeitintensives Niveau angepasst wurde, welches sich für die geringen Stückzahlen je einzelner Apotheke wirtschaftlich nicht mehr rentiert. 

Apotheken stellen eine funktionierenden Heilmittelversorgung der Bevölkerung sicher!        

Apotheken sind neben der Sicherstellung einer täglich funktionierenden Heilmittelversorgung der Bevölkerung, nach wie vor ein essentieller Bestandteil in der Katastrophen- und Krisenvorsorge der Republik Österreich. So ist im österreichischen Pandemieplan unter anderem vorgesehen, dass österreichische Apotheken spezielle Aufgaben übernehmen. Ein gutes Beispiel ist hierbei das Herstellen der (Hände)desinfektionsmittel nach WHO-Standards zur Verbesserung der Hygienebedingungen aufgrund von Lieferengpässen von Fertigprodukten in Zeiten von Corona. Umso wichtiger scheint es, das Wissen um die Herstellung, die Praxis und die dazu gehörenden Gerätschaften in der Apotheke zu erhalten. 

Insgesamt wird fast die Hälfte aller von Haut-, Kinder- und Augenärzten in Österreich verschriebenen Arzneimittel in der Apotheke täglich „frisch“ hergestellt. Damit zählt die händische Anfertigung von Arzneien zu den ursprünglichsten Aufgaben der Pharmazeut:innen. ‚Hausspezialitäten‘ sind ein handwerkliches österreichisches Unikat und in bestimmten Fällen sogar eine behördlich registrierte Arzneispezialität. Viele Apotheker:innen verwenden Rezepturen, die über Generationen hinweg überliefert wurden. Die Produkte repräsentieren ein über Jahrhunderte erworbenes, ursprünglich mündlich überliefertes, später in Rezepturbüchern aufgezeichnetes und heute auf den aktuellen Stand gebrachtes Fachwissen. Sie umfassen auch den jahrhundertealten Umgang mit der Natur, die daraus resultierenden Heilmittel und das Heilwissen, das untrennbar damit verbunden ist.

Gemeinsam mit der Kurapotheke Bad Ischl führte der Verein I N D I G O elementar 2023 eine Umfrage durch, an der sich neun Apotheken aus dem Salzkammergut beteiligten. Knapp 80% gaben an, dass ihre Hausspezialitäten regelmäßig von den Bewohner:innen nachgefragt werden. Doch der bürokratische Aufwand und die damit verbundenen hohen Gebühren bei meist geringen Stückzahlen je Apotheke führen dazu, dass immer mehr Apotheker:innen ihre Arzneispezialitäten nicht mehr anmelden und ihre Hausspezialitäten auflassen. 2023 stellten noch zwei Drittel (6) der befragten Apotheken nicht-registrierte Hausspezialitäten her. Die Herstellung von registrierte Arzneispezialitäten haben mittlerweile fast 80% eingestellt, denn 
der Aufwand und die Kosten für die Registrierung sind für die Apotheken mittlerweile nicht mehr rentabel.

Noch könnten die Herstellung von nicht-registrierten Hausspezialitäten durch einfachere und kostengünstigere Registrierungsverfahren wieder aufgenommen werden und somit ein Arzneimittelschatz unbedenklicher, rezeptfreier, kostengünstiger Arzneimittel für die Selbstmedikation für die Zukunft erhalten bleiben. 

Bild (c) Kurapotheke Bad Ischl